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Berliner Zeitung 19.01.2010:

Tote Gleise
Die Kirche will die Friedhofsbahn nach Stahnsdorf reaktivieren - und zieht dafür vor Gericht

Gräber, soweit das Auge reicht. 120 000 Tote liegen auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark) begraben. Und jedes Jahr kommen 900 Ruhestätten hinzu. Der Südwestkirchhof ist nicht nur ein Ort der Toten und der Trauernden. Der zweitgrößte deutsche Friedhof ist mit seinen zahlreichen Prominenten-Gräbern auch ein Touristenmagnet. Ein Ort, der früher mit der Bahn - die im Volksmund Friedhofsbahn hieß - gut erreichbar war, heute aber schlecht angebunden ist. Geht es nach der Kirche, dann soll sich das ändern.
Denn die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz hat die Deutsche Bahn verklagt. Sie besteht auf Wiederinbetriebnahme der weitestgehend zurückgebauten Strecke von Berlin-Wannsee nach Stahnsdorf. Die Bahn hingegen wiegelt ab und verweist auf einen fehlenden Verkehrsbedarf. Zwar ist die Klage schon vor fast genau fünf Jahren eingereicht worden.
Doch nach langer Zeit kommt nun endlich Bewegung in den Rechtsstreit. Für den 26. Februar hat das Verwaltungsgericht in Berlin einen Termin anberaumt.

100 Jahre alter Vertrag

Grundlage für die Klage ist ein Vertrag, der vor mehr als 100 Jahren zwischen der Berliner Stadtsynode und der Preußischen Eisenbahnverwaltung geschlossen wurde. Darin verpflichtete sich die Kirche, Grundstücke für den Bau der 4,24 Kilometer langen Strecke zur Verfügung zu stellen und auch die Kosten für die Planung und den Bau der Eisenbahnverbindung von Wannsee nach Stahnsdorf - damals 1,28 Millionen Reichsmark - zu übernehmen. Dafür sollte die Bahn die Strecke betreiben. Von 1913 bis zum Mauerbau 1961 verkehrte die S-Bahn nach Fahrplan. Dann wurde die Strecke unterbrochen, nur noch tote Gleise führten zum Friedhof.

"Wir haben die Klage noch vor der Verjährung eingereicht", sagt Florian Lewens, der Anwalt der Kirche. Die Bahn müsse ihren Verpflichtungen nachkommen, auch denen, die sich aus dem Einigungsvertrag ergeben. "Danach müssen Bahnstrecken, die durch den Mauerbau unterbrochen wurden, wiederhergestellt werden", sagt Lewens. Ansonsten verlange die Kirche Schadenersatz. Lewens betont, es gehe nicht um eine S-Bahn für den Friedhof. Mit der Wiederinbetriebnahme der "Wannseebahn" soll vor allem Stahnsdorf eine vernünftige Anbindung erhalten.

Das sieht auch Bernd Albers (parteilos) so, der Bürgermeister von Stahnsdorf. "1993 hatte Stahnsdorf 5 800 Einwohner, mittlerweile sind es bereits über 14 000", sagt er. Jährlich kämen etwa 300 Zuzügler hinzu. "Wir wachsen dynamisch, und da wäre es nur sinnvoll, wenn die sogenannte Friedhofsbahn wieder in Betrieb genommen wird." Die Bahn sei schließlich nach dem Einigungsvertrag dazu angehalten. Und es sei keinem Stahnsdorfer zu vermitteln, dass der Staat als Bahneigentümer vom Bürger ein rechtstreues Verhalten abverlange, sich selbst aber nicht danach richte.

Für Olaf Ihlefeld, dem Verwalter des Südwestkirchhofs, ist die "Friedhofsbahn" ein Projekt, von dem die ganze Region profitiert. Und natürlich komme dies auch Touristen zugute. "Andere Prominentenfriedhöfe in Europa sind auch an öffentliche Verkehrsnetze angebunden", sagt er. In Stahnsdorf hingegen müsse man von einer Bushaltestelle rund einen Kilometer laufen, um an die letzte Ruhestätte eines berühmten Berliners zu gelangen. "Klar ist die Bahn auch eine Existenzfrage für den Friedhof", sagt Ihlefeld. Denn um wirtschaftlich zu arbeiten, müssten auf dem Friedhof statt der 900 Bestattungen 1 500 bis 2 000 Beerdigungen im Jahr stattfinden.

Unklar ist, ob sich die Streitparteien Ende Februar wirklich vor Gericht treffen. Denn offenbar wird sich zunächst das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg mit der Friedhofsbahn befassen und klären müssen, ob ein Verwaltungsgericht in Berlin oder gar in Brandenburg zuständig ist. "Denn der längere Abschnitt der Strecke liegt eigentlich in Brandenburg", sagt ein Sprecher des Berliner Verwaltungsgerichts.

4,24 Kilometer lange Strecke

Südwestkirchhof: Der zentrale Friedhof Berlins vor den Toren der Stadt war 1909 eröffnet worden. Derzeit sind hier 120 000 Tote beigesetzt. Im vorigen Jahr wurden mehr als 900 Tote hier beerdigt - der überwiegende Teil stammte aus Berlin. Der Kirchhof ist der zweitgrößte deutsche Friedhof.

Friedhofsbahn: Die Wannseebahn - auch Friedhofs- oder Witwenbahn - sollte Stahnsdorf mit Berlin verbinden.

Vertrag: Am 21. Oktober 1909 wurde ein Vertrag zwischen der Berliner Stadtsynode und der Preußischen Eisenbahnverwaltung geschlossen. Darin verpflichtet sich die Kirche, die Kosten für Planung und Bau der Eisenbahnverbindung von Wannsee nach Stahnsdorf zu übernehmen. Im Gegenzug sollte die Bahn die Strecke betreiben und instand halten.

Betrieb: Die 4,24 Kilometer lange Strecke wurde 1913 in Betrieb genommen und 1928 elektrifiziert. Bis zum Bau der Mauer am 13. August 1961 verkehrte sie nach Fahrplan.

Katrin Bischoff
aus Berliner Zeitung,
online-Dienst
19.1.2010

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