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31.05.2013: pnn

Signal auf Halt

Vor 100 Jahren wurde die Friedhofsbahn eingeweiht. Zum Jubiläum wünscht sich Stahnsdorf eine Wiederbelebung

Stahnsdorf - Wie oft hat sich Peter Ernst wohl auf dem Stahnsdorfer S-Bahnhof am Knippserhäuschen vorbeigedrängt? Waren es Hunderte, oder Tausende Male? Als junger Schüler schwang er jeden Morgen die Flügeltüren zum Bahnhof weit auf, schritt durch die stattliche Halle, vorbei an zwei Ticketschaltern, dem Blumenladen und der Gepäckabgabe hin zu den Treppen. Ein paar Stufen hinab, einmal unter den Gleisen hindurch und wieder hinauf. Das war sein Weg.

„Es hat mich wirklich gefreut, die Grundmauern der Knippserhäuschen jetzt wiedergefunden zu haben“, sagt Ernst und schiebt mit einer Schippe Erde von einem kleinen versteckten Flecken Mosaiksteine hinweg. Der 80-jährige Stahnsdorfer musste lange zwischen Gestrüpp und Bäumen buddeln, bis er die letzten Reste des einstigen Bahnhofslebens freigelegt hatte.

Mit einer Gedenkveranstaltung soll am Sonntag, dem 2. Juni, in der Stahnsdorfer Bahnhofstraße daran erinnert werden, dass vor einhundert Jahren die S-Bahn-Strecke zwischen Berlin-Wannsee und Stahnsdorf eröffnet wurde. Gleichzeitig mahnt ein Bündnis aus Politikern, Historikern und Bahnfreunden eine Wiederinbetriebnahme der 1961 durch den Mauerbau gekappten Linie an. „Wir wollen ein Zeichen setzen und an unseren S-Bahn-Anschluss erinnern“, teilt Stahnsdorfs Bürgermeister Bernd Albers (BfB) mit. Dafür soll um 10 Uhr eine Betonstele des Künstlers Günter Mielke enthüllt werden. Es werden Führungen entlang der alten Gleise angeboten und die Konturen des alten Bahnhofs abgesteckt. Mit Hilfe vieler Freiwilliger wurde ein knapp neun Meter hohes historisches Bahnsignal am alten Bahnhof installiert.

„Noch steht das Signal auf Halt“, sagt Peter Ernst und guckt den langen Mast hinauf. „Erst wenn die Bahn wieder fährt, schalten wir auf freie Fahrt.“ Schon seit Jahren kämpft der Stahnsdorfer für die Wiederinbetriebnahme. „Für mich ist dieser Bahnhof ein Stück Lebensgeschichte“ – eine, die er nicht aufgeben will. „Wer die vorzügliche Bahnverbindung nicht mehr selbst erleben durfte, kann sich kaum ein Bild von der starken Inanspruchnahme machen.“

Am Bahnhof war praktisch immer etwas los, erzählt Ernst. Arbeiter und Schichtarbeiter waren am Morgen die ersten. Sie mussten pünktlich in Berlin an ihrem Arbeitsplatz sein. Nach ihnen kamen die Schüler und Studenten sowie die Hausfrauen und Familien, die zum Einkaufen nach Berlin fuhren oder Verwandte besuchen wollten. Am Bahnsteig begegneten sie den ersten Friedhofsbesuchern aus Berlin. Die 4,2 Kilometer lange Bahnstrecke endete direkt vor dem Haupteingang des Südwestkirchhofs.

Am Nachmittag riss der Verkehr nicht ab. Arbeiter kehrten zurück, gönnten sich ein kühles Getränk gleich auf dem Bahnsteig, wo Tische und Stühle bereitstanden. Aus einem langen Fahrradschuppen holten sie dann ihre Räder ab, um zu den umliegenden Dörfern zu radeln. Gleich in zwei Etagen hätten sich die Drahtesel in dem Holzbau gestapelt, erinnert sich Ernst. Wurde es dunkel, machten sich Verliebte oder Verheiratete auf den Weg zu Kino, Theater oder Restaurants in Berlin. Nach der Elektrifizierung im Jahr 1928 brauchte der Fahrgast nur sechs Minuten von Stahnsdorf bis zum Bahnhof Wannsee. Die gesamte Region erlebte zur damaligen Zeit einen Aufschwung durch die Verbindung.

Heute ist der Bahnhof verschwunden. Mit Schippe und Säge haben Peter Ernst und seine Helfer vom Bauhof und Friedhof den Bahnsteig freigelegt. Mit dem Mauerbau wurde die Linie gekappt, der Bahnhof im Auftrag des DDR-Regimes gesprengt und die Bahnhofsschenke zum Restaurant „Waldidyll“ umbenannt. „Die Zugverbindung sollte aus dem Gedächtnis gelöscht werden“, sagt Ernst.

Fast hätten sie es geschafft, wäre da nicht der Mauerfall gekommen und nun das 100-jährige Jubiläum. „Ist doch klar, dass ich da nicht ruhen kann“, sagt Ernst. Er habe kein Verständnis dafür, dass Bund, Bahn und Länder es weiterhin ablehnen, die Bahn wieder in Betrieb zu nehmen. „Damit wird die Entscheidung der DDR, den Bahnhof abzureißen, nachträglich als richtig bestätigt“, sagt Ernst.

von Tobias Reichelt
pnn
31.5.2013
http://www.pnn.de/pm/756412/

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