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11.03.2019: Berliner Kurier

Dreilinden
Die Geschichte hinter toten Gleisen und Geister-Autobahn

Zwischen den grünen Nadelbäumen blitzt es blau, rot, gelb und orange auf. Ein Farbenmeer, so grell und hell, dass es einen fast in der Wintersonne blendet. Und das mitten im Wald. Und es wird noch wilder: Vor uns taucht plötzlich eine Brücke auf, die nirgendwohin zu führen scheint – und einen Wanderweg überspannt, der so breit wie eine Autobahn ist.

Was wiederum kein Wunder ist. Denn vor uns liegt die ehemalige Reichsautobahn 51, inzwischen grün überwuchert, überspannt von der genauso ehemaligen Stammbahnbrücke, die heute vor allem ein Mekka für Streetart-Künstler ist.

Ehemaliger „Checkpoint Bravo“: Die Fahnenmastanlage der Amerikaner steht noch

Wir befinden uns in einem Wäldchen hinter Dreilinden, unweit des Teerofendamms – ein unscheinbares Gelände, das einst aber Verkehrsgeschichte schrieb. Die überwucherten Bahnsteige alter Bahnhöfe sind hier zu finden, mehrere Brücken, tote Gleise – und ein alter Grenzübergang.

In einem Umkreis von nur einem Kilometer kreuzten sich hier einst die erste preußische Eisenbahnstrecke (Stammbahn), die später zum Teil der S-Bahn nach Potsdam wurde, die Friedhofsbahn (eine weitere S-Bahn-Strecke), der Teltowkanal mit einem DDR-Wachturm, der heute zu einem Campingplatz gehört, und die Reichsautobahn 51, eine Verlängerung der Avus.

Mit einer Autobahnbrücke, über die heute keine Autos mehr fahren können. Verrostet, mit Bäumen bewachsen, der Asphalt aufgerissen. Erst auf dem zweiten Blick fällt auf, dass das nicht irgendeine Brücke ist. Die Fahrbahnen sind mit verblassendem Weiß gekennzeichnet – mit den Aufschriften Pkw, Bus, Lkw. Bis 1969 war die Teltowkanalbrücke „Checkpoint Bravo“, einer der wichtigsten Grenzübergänge zwischen Ost und West. Die Fahnenmastanlage der Amerikaner steht noch, man findet hier Leitplanken und die Überreste der originalen Raststätte Dreilinden.
Die Stammbahnbrücke auf – ein Bauwerk, das Graffitisprayer als Wall of Fame nutzeDenn die klobigen Gebäude in Lilarot, die wir heute als Autobahnkontrollpunkt Dreilinden in Erinnerung haben, sind nur eine Kopie. Bis 1969 war genau hier, am Teltowkanal der Grenzübergang. Der der DDR nach dem Mauerbau aber nicht mehr passte – aus Angst vor Fluchtversuchen. Denn nach der Passkontrolle, und bevor die Autos wirklich auf der Avus im Westen landeten, ging es noch mal ein kleines Stückchen durch den Osten – durch das Wäldchen von Dreilinden (einem Ortsteil von Kleinmachnow), das wie ein Dorn in den Westen hereinragte. Also wurden kurzerhand die Autobahn und der Grenzübergang ein paar Hundert Meter verlegt – und das alte Stück verödet.

In 90er-Jahren feierte die stillgelegte Autobahn übrigens noch mal ein Comeback – als Filmkulisse für die TV-Serie „Alarm für Cobra 11“. Erst um die Jahrtausendwende wurde der Asphalt entfernt – als Renaturierungsmaßnahme für den dreispurigen Ausbau der A115. Der Trasse der ehemaligen Reichsautobahn 51 kann man aber heute noch folgen. Gesäumt von Böschungen ist sie der perfekte Wanderweg zu den anderen Artefakten der Verkehrsgeschichte.

Nach 800 Metern taucht die bunt bemalte Stammbahnbrücke auf – ein Bauwerk, das Graffitisprayer als Wall of Fame nutzen. Vor allem der Berliner Streetart-Künstler Tobo nutzt die Brücke als gigantische Leinwand. Schon weithin sichtbar sind mehr als 30 farbige Variationen seines Berliner Bären Eric Rotheim, die die historische Metallkonstruktion kunterbunt verzieren.
Die „Friedhofsbahn“ sollte Berliner schnell zu den großen Begräbnisstätten in Stahnsdorf bringen – nicht nur die Lebenden

Nur ein paar Hundert Meter weiter kreuzt die nächste S-Bahn-Linie die alte Autobahntrasse. Nach links führen tote Gleise unter der Königswegbrücke hindurch, wer nach rechts abbiegt, wird kurz darauf von einem steinernem Hindernis gestoppt. Einem 200 Meter langen, im Laufe der Jahre zugewachsenen Bahnsteig. Die alte Treppe hinauf ist noch da, nur endet sie inzwischen an einem Gartenzaun.

Das Ganze ist Teil alten S-Bahnhofs Dreilinden. Einer von nur drei Bahnhöfen der 4,24 Kilometer langen „Friedhofsbahn“. 1913 eingeweiht, verband sie Wannsee mit Stahnsdorf (auch dieser 220 Meter lange Bahnsteig ist noch vorhanden) und sollte Berliner schnell zu den großen Begräbnisstätten (Südwest- und Wilmersdorfer Friedhof) in Stahnsdorf bringen – nicht nur die Lebenden. Mit der S-Bahn wurden auch die Leichenwagen transportiert. Der S-Bahnhof Stahnsdorf hatte zwei Ausgänge – einen für die Lebenden und einen für die Toten. Mit dem Bau der Berliner Mauer im Jahre 1961 wurde der Zugverkehr eingestellt, das Empfangsgebäude 1976 gesprengt.
Wer allerdings heutzutage diesen Bahnhof in Stahnsdorf in seine Wanderung integrieren will, braucht Fahrrad oder Auto. Die verlegte A115 kappt die direkte Verbindung zwischen den Bahnhöfen Stahnsdorf und Dreilinden.

Stefan Henseke
Berliner Kurier (mit schönen Fotos)
11.3.2019
https://www.berliner-kurier.de/berlin/kiez---stadt/dreilinden-die-geschichte-hinter-toten-gleisen-und-geister-autobahn-32198338

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