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09.01.2017: Gastbeitrag

Gastbeitrag: S-Bahnbrücke über den Teltowkanal

Nie mehr in sechs Minuten von Wannsee nach Stahnsdorf?

Unser Gastautor ist Friedhofsverwalter des Südwestkirchhofs in Stahnsdorf. Er befürchtet, dass mit dem Abriss der letzten S-Bahn Brücke die Hoffnungen auf eine Verkehrsanbindung zum "Prominentenfriedhof" schwinden.

Die Wiederbelebung der "Friedhofsbahn" bzw. die Realisierung des schon 1913 angedachten und geplanten Ringschlusses zwischen Berlin-Wannsee über Stahnsdorf nach Berlin-Lichterfelde wird seit vielen Jahren öffentlich diskutiert. Wenn nun jedoch nach aktuellen Berichten die Kommunen Stahnsdorf und Kleinmachnow die alte S-Bahn Brücke über den Teltowkanal aus Angst vor Unterhaltungskosten für das letzte Relikt abreißen lassen, wird wohl an eine Wiederbelebung der Verkehrsanbindung nicht zu denken sein.

Nach der Eröffnung des größten evangelischen Friedhofs in Deutschland 1909, sorgte die Evangelische Landeskirche 1913 auch für die Verkehrsanbindung zum Südwestkirchhof Stahnsdorf und beauftragte den Bau der S-Bahn. Die 4,2 km lange Bahnstrecke führte von Bahnhof Wannsee über Dreilinden, den Teltow-Kanal und endete direkt vor dem Haupteingang des Südwestkirchhofs in Stahnsdorf. Finanziert hat die Evangelische Kirche den S-Bahn Bau mit 2,5 Millionen Reichsmark.

Noch heute ist die Bahn im Volksmund als "Friedhofs- und Leichenbahn" oder auch als "Witwenexpress" bekannt, denn die Bahn wurde anfangs nur für die Beförderung der Friedhofsbesucher und zum Transport der Toten eingerichtet. Auch die gesamte Region erlebte zur damaligen Zeit einen erheblichen wirtschaftlichen Aufschwung durch diese Verbindung an die Metropole Berlin. Nach der Elektrifizierung 1928 brauchte der Fahrgast nur sechs Minuten bis Bahnhof Wannsee, um von dort ins Stadtzentrum oder nach Potsdam zu gelangen.

Dass Kommunen mit einer solchen Reaktivierung von Infrastruktur überfordert sind, ist noch ansatzweise nachvollziehbar. Bedauerlich ist nur, dass die Bundesregierung nicht zu ihrem Wort des Einigungsvertrages steht und für die Wiederherstellung von durch die deutsche Teilung unterbrochenen Bahnstrecken sorgt.

Diese Verkehrsanbindung ist für die gesamte Region existentiell

Wie für die gesamte Region, ist diese Verkehrsanbindung auch für den Südwestkirchhof Stahnsdorf existentiell. Während der Südwestkirchhof kurz nach dem Fall der Berliner Mauer fast dem Untergang gewidmet war, entscheiden sich heute wieder jährlich hunderte Menschen dafür, ihre Toten in Stahnsdorf bestatten zu lassen. Auch wenn die verkehrsmäßige Erschließung nach über 100 Jahren miserabel ist, führen all die Besonderheiten des Friedhofes die Menschen an diesen Ort; So ist er mit einer Gesamtfläche von etwa 206 Hektar einer der größten Friedhöfe Europas und steht wegen seines Baumbestands und der vielen historischen Gräber in der Brandenburgischen Denkmalliste. Zahlreiche Prominente ließen sich hier seit den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts zur letzten Ruhe betten, wie etwa Rudolf Breitscheid, Walter Gropius oder jüngst Manfred Krug, um nur ein paar wenige zu nennen. Ein Wahrzeichen des Kirchhofs ist das große Christus-Denkmal, 1923 von Ludwig Manzel in der Nähe des Haupteingangs errichtet; auch expressionistische Begräbnisstätten und zahlreiche Mausoleen sind auf dem Südwestkirchhof zu sehen. Der Südwestkirchhof Stahnsdorf ist seit zwei Jahren sogar als „Denkmal nationaler Bedeutung“ anerkannt.

Die jüngeren Generationen überwinden die Entfernung aus Berlin heute meist mit dem PKW, die ältere Generation "70 Plus" muss von ihren Wünschen loslassen, da der Friedhof nur umständlich und mit großem Zeitaufwand erreichbar ist.

Der Autor ist Friedhofsleiter am Südwestkirchhof Stahnsdorf und Vorstandsmitglied des Fördervereins Südwestkirchhof Stahnsdorf e.V.

Dieser Gastbeitrag erscheint auf dem Debattenportal Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf. Das Portal steht auch für Meinungsbeiträge der Bürger und Muliplikatoren offen. Wenden Sie sich dazu an steglitz-zehlendorf@tagesspiegel.de und folgen Sie der Redaktion Steglitz-Zehlendorf gerne auch auf Facebook und Twitter.

Tagesspiegel
9.1.2017
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Olaf Ihlefeld

Presse

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